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Zanders „Anthroposophie in Deutschland“ kein StandardwerkLorenzo Ravagli zeigt gravierende wissenschaftliche Mängel im „opus magnum“ auf - Rückfall hinter zwanzig Jahre akademische Esoterikforschung – Verdeckte Agenda? Von NNA-Korrespondent Wolfgang G. Vögele BERLIN (NNA). Der Historiker und katholische Theologe Helmut Zander wird seit dem Erscheinen seines 1.800 Seiten starken Buches „Anthroposophie in Deutschland“ im Jahr 2007 von den Medien immer wieder gerne als Experte zum Thema Anthroposophie herangezogen, zuletzt im Februar im Schweizer Fernsehen und in 3SAT. Auch er selbst möchte sein Buch gerne als „Standardwerk“ dargestellt wissen. Dem steht allerdings eine wachsende Anzahl von Rezensionen gegenüber, die auf zahlreiche Schwachstellen und Fehler in Zanders Buch hinweisen, meist aus der Feder anthroposophischer Wissenschaftler. Zu diesen Kritiken hat nun der Publizist Lorenzo Ravagli einen weiteren Beitrag hinzugefügt, der die Qualität von Zanders Schrift grundsätzlich in Frage stellt und mit seiner 440 Seiten starken Analyse zu den bisher gründlichsten Auseinandersetzungen mit Zanders Studie gehört. Ravaglis Buch ist im renommierten Berliner Wissenschaftsverlag erschienen. Bereits im Vorwort begründet Prof. Walter Kugler, Oxford Brookes University, warum Helmut Zander seinem Anspruch, ein Standardwerk zum Thema Anthroposophie zu liefern, in keiner Weise gerecht wird. Heillose Verwirrung beim Gebrauch wesentlicher Begrifflichkeiten, Unterstellungen und Projektionen führten dazu, dass beim Leser „das Vertrauen in die wissenschaftliche Seriosität von Seite zu Seite schwindet“, betont Kugler. Zanders Versuch beispielsweise, die Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft nachzuzeichnen, verlaufe ungefähr so, wie wenn man die Geschichte der Psychoanalyse „aus all den Reaktionen, Polemiken und Ansprüchen, die sich zeitlebens oder posthum von verschiedensten Zeiten über sie gelegt haben, erklären will, ohne sich auf ihre ursprünglichen Quellen und ihre inhaltliche Seite einzulassen“, argumentiert Kugler. (S.12) Autor Ravagli analysiert nun in 16 Kapiteln en Detail, wie genau es Zander mit seinen Quellen nimmt. Wort für Wort sucht er die Stellen im Werk von Rudolf Steiner auf, auf die sich Zander beruft und kann belegen, dass dieser mit Auslassungen und fundamentalen Falschbehauptungen arbeitet. Vor allem aber zitiert er Stellen aus Steiners Gesamtwerk, die Zander nach Ravaglis Auffassung in seiner Analyse bewusst weggelassen hat, weil sie geeignet sind, Zanders zentrale Hypothesen infrage zu stellen. So weist Ravagli die Kontinuität der spirituellen Motive in Steiners geistiger Biographie nach, indem er zeigt, wie das reine Denken, das Steiner bereits im seinem Frühwerk, der „Philosophie der Freiheit“ ins Zentrum seiner Philosophie stellt, für ihn den Übergang vom reflektiven Bewusstein zu Erkenntnissen übersinnlicher Tatbestände bildet. Zander unterstellt Rudolf Steiner hier einen Bruch in seinem Denken. Auch die Behauptung Zanders, Steiner habe wesentliche Ideen von Nietzsche übernommen, wird von Ravagli dokumentarisch widerlegt (S. 72-80). Bezüglich der „Philosophie der Freiheit“ stelle Zander unwahre Behauptungen auf, die er nicht belege. Philosophische Sekundärliteratur dazu, etwa von Herbert Witzenmann, werde systematisch ausgeblendet. Als einen der Hauptmängel in Zanders Untersuchung zeige sich vor allem seine völlige Ignoranz gegenüber dem Bindeglied zwischen Philosophie und Anthroposophie, das im Wissenschafts- und Methodenverständnis Steiners liege. Wenn Zanders Behandlung der philosophischen Werke Steiners so bereits gravierende Kenntnislücken offenbare, schreibt Ravagli, so werde seine Untersuchung von Rudolf Steiners angeblicher Konversion zur Theosophie in einem Ausmaß defizitär, das kaum mehr nachvollziehbar sei. (S.108) Akribisch weist Ravagli nach, dass der Kerngehalt dessen, was Steiner nach der Jahrhundertwende mit 'Theosophie' benannte, bereits in seinen Werken vor 1900 enthalten gewesen sei: ein dynamischer und spiritueller Erkenntnisbegriff, ein Denken in Entsprechungen (Korrespondenzen), das Erkennen als fortschreitende Transmutation des Menschen und des Kosmos, der Kosmos als lebendiges, ideelles geistiges Reich, die Erkenntnisformen der Imagination (anschauende Urteilskraft), Inspiration (Partizipation) und Intuition (Hingabe). Steiner habe zudem schon in seiner philosophischen Phase eine Form der Meditation praktiziert, deren Spuren in seinen philosophischen Schriften nachweisbar seien. Zanders Vorwurf, Steiners Werk beruhe auf einem Plagiat theosophischer Schriften, hält Ravagli entgegen, Steiners Bezugnahme auf theosophische Quellentexte seien Hinweise auf Referenzliteratur, die von ihm als Belege für seine eigenen Forschungen verstanden worden sei. Neben der ausführlichen Analyse des Quellenmaterials, auf das Zander sich beruft, stellt Ravagli dessen Werk in den Kontext der zeitgenössischen Esoterikforschung und weist nach, dass es weit hinter die dort erreichten Standards zurückfällt. Wissenschaftler wie Antoine Faivre (Universität Sorbonne, Paris), Wouter Hanegraaf und Kocku von Stuckrad (Universität Amsterdam) untersuchten ideengeschichtliche Traditionen oder Geschichte der Esoterik unvoreingenommen auf der Basis der Diskurstheorie, um so deren Bedeutung für die abendländische Kulturgeschichte heraußuarbeiten. Alternative Denkformen und Begriffe in der Geschichte der Wissenschaft würden von diesen Wissenschaftlern ernst genommen und im wissenschaftlichen Diskurs verstehbar gemacht. Helmut Zander dagegen richte in seiner Untersuchung den Fokus auf Machtkämpfe in den Anfängen der Geschichte der Anthroposophie und entsprechend würden auch die Motive für das Denken und Handeln von Rudolf Steiner interpretiert. Erkenntnisfragen würden angesichts eines derart reduzierten Erkenntnisinteresses von Zander marginalisiert. Auch Prof. Walter Kugler hatte Zander im Vorwort einen Mangel an echtem Erkenntnisinteresse für seinen Gegenstand attestiert. Zanders Betrachtungsweise gegenüber Theosophie und Anthroposophie füge sich nahtlos ein in die „Tradition mediokrer, weil untergründig sensationsgieriger Historiographie“. Ein wesentliches Ergebnis moderner Esoterikforschung werde von Zander ignoriert: dass Esoterik zu allen Zeiten ein wesentliches Antriebspotential für die heutigen Wissenschaften gewesen sei. Bemängelt wird in dem Buch schließlich auch die Begrenzung des Untersuchungßeitraums bis zum Jahr 1925 durch Zander, was zur Konsequenz habe, dass neuere wissenschaftliche Studien anthroposophischer Autoren konsequent ausgeblendet oder marginalisiert würden. Gleichwohl maße Zander sich bei seinen Auftritten in den deutschen Medien immer wieder die Kompetenz zur Bewertung aktueller Entwicklungen in der anthroposophischen Bewegung an. Alles in allem – so die grundsätzliche Bewertung des selbsternannten Standardwerks - komme Zander dann im Endresultat auch in seinen grundlegenden Bewertungen kaum über den Stand der Kritiker von Anthroposophie und Rudolf Steiner aus den zwanziger Jahren hinaus. In diesem Zusammenhang beziehe er sich sogar auf solche fragwürdige, teilweise antisemitische Quellen. Diese Praxis weist das Ravagli-Buch schon für frühere Publikationen von Zander nach. Bereits in einem Beitrag für den Sammelband „Völkische Religion und Krisen der Moderne“ (2001) sei das Muster des voreingenommenen Umgangs mit Quellen aufgetaucht, hier allerdings in noch weit gravierender Form. In seinem Beitrag hatte Zander ein Gutachten Alfred Bæumlers angeführt, des Leiters des „Amtes Wissenschaft des Beauftragten des Führers für die Überwachung der geistigen Schulung und Erziehung der NSDAP“, der behauptet habe, es bestehe eine „wesentliche Übereinstimmung“ zwischen dem Menschenbild des Nationalsozialismus und der Menschenkunde Rudolf Steiners. In Wahrheit hatte Bæumler jedoch das Gegenteil geschrieben. Bis heute, so Ravagli, habe Zander diesen Irrtum - wenn es denn einer gewesen sei - seines Wissens nicht öffentlich korrigiert und dies, obwohl er darauf hingewiesen worden sei und den Fehler eingestanden habe. Stattdessen habe er ausgerechnet Kopien dieses Aufsatzes der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien vorgelegt, die im September 2007 über einen Indizierungsantrag zu zwei Büchern der Rudolf Steiner Gesamtausgabe entscheiden sollte. Deshalb dränge sich die Frage auf, welche Ziele Helmut Zander mit seiner publizistischen Tätigkeit zur Anthroposophie eigentlich bezwecke. Ravagli unterstellt dem Historiker und katholischen Theologen hier, einer „verdeckten Agenda“ zu folgen. (S.24) Bestätigt fühlen darf sich das neue Ravagli-Buch auch durch die Tatsache, dass Zanders angebliches Standardwerk in der akademischen Esoterikforschung bisher wenig rezipiert worden ist. Jedenfalls setzte man sich bisher - eine Rezension eines ausgewiesenen Kenners der westlichen Esoterik, Gerhard Wehr, ausgenommen - kaum damit auseinander. Und Wehr hatte (in der Zeitschrift Gnostika Heft 38, März 2008) ebenfalls erhebliche Vorbehalte gegen Zanders Untersuchungsmodus vorgebracht. So kritisierte er zum Beispiel dessen Gleichsetzung von anglo-indischer Theosophie und Anthroposophie und forderte eine ergänzende Untersuchung, die nicht nur literarische Bezüge von Rudolf Steiners Werk nachweist, sondern auch dessen Art der Forschung beleuchtet. Der Erfüllung dieser Forderung scheint Ravagli in seinem neuen Werk sehr nahe gekommen zu sein. Seine Erwiderung zu Zanders „opus magnum“ überzeugt vor allem durch eine hohe Sachkompetenz – auch in grundsätzlichen philosophischen Fragen - und durch Verzicht auf polemische Untertöne. Der Autor wendet sich ausdrücklich an die Wissenschaft; entsprechend anspruchsvoll ist das sprachliche Niveau des Buches. Gerade weil Ravaglis neue Publikation in der Lage ist, Zanders voreingenommenes und defizitäres Bild der Anthroposophie nachhaltig zu korrigieren, wäre ihr eine baldige und breite Resonanz in universitären Kreisen zu wünschen. END/nna/vog Ravagli, Lorenzo, „Zanders Erzählungen. Eine kritische Analyse des Werkes ‚Anthroposophie in Deutschland‘“, Berlin 2009, ISBN 978-3-8305-1613-2 Bericht-Nr.: 090407-02DE Datum: 7. April 2009 © 2009 News Network Anthroposophy Limited (NNA). Alle Rechte vorbehalten. Siehe: www.nna-news.org/copyright/ Weitere NNA-Berichterstattung unter: www.nna-news.org/de/ Software AG jetzt Hauptsponsor der Uni Witten-HerdeckeNeuer Gesellschaftervertrag ermöglicht Konsolidierung und eröffnet Entwicklungschancen für Privatuni – 500 neue Studienplätze sollen entstehen WITTEN-HERDECKE (NNA). Die Software AG Stiftung ist jetzt der neue Hauptinvestor der Universität Witten-Herdecke. Nach Angaben der Universität stellt die Software AG Stiftung insgesamt 4 Millionen Euro sowie eine Bürgschaft in Höhe von 10 Millionen Euro zur Verfügung. Um die Software AG Stiftung, die rund 40 Prozent der Anteile der Universität hält, gruppiere sich „ein umfassendes Konsortium aus neuen und alten Investoren“, heißt es in der Pressemitteilung der Universität. Sie trügen in den nächsten drei Jahren zusammen mit insgesamt 12 Millionen Euro dazu bei, die Hochschule nachhaltig aufzustellen. Auf der Gesellschafterversammlung in Witten wurden außerdem umfassende Investitionen als Teil des neuen Gesellschaftervertrages unterzeichnet. Die Universität sei damit aus „einer der schwierigsten Phasen der Universitätsgeschichte in eine neue zukunftsfähige Ausgangslage versetzt worden,“ betonte Michæl Anders, seit Ende Dezember neuer Geschäftsführer der UWH. Das Engagement der Software AG Stiftung, die Bereitschaft von ehemaligen Studierenden und Kuratoren, innerhalb von zwölf Wochen 5,5 Millionen Euro zu mobilisieren sowie der finanzielle Rückhalt von vielen deutschen Familienunternehmen hätten diese Konsolidierung ermöglicht. Nun könne die Universität strategisch investieren und weiter ausbauen. Dr. Martin Butzlaff, Wissenschaftlicher Direktor der UWH wertete die Entwicklung als eine „neue große Chance“ für die UWH. Die Privatuni stehe wie kaum eine andere Hochschule für „Bildung statt Ausbildung, für junge, urteilskräftige Persönlichkeiten und Studierende, die gesellschaftliche Verantwortung und Ethik ausgesprochen ernst nehmen." Durch die neu vereinbarte Gesellschafterstruktur fließen auch die Mittel aus der Förderung des Landes Nordrhein-Westfalen wieder. Hier soll die UWH in diesem und im kommenden Jahr insgesamt 13,5 Millionen Euro erhalten. Die UWH kündigte außerdem den Aufbau eines Helmholtz-Demenz-Forschungßentrums an. Neue Studiengänge sollen „an den Schnittflächen Kultur und Wirtschaft bzw. Gesundheit und Wirtschaft“ entstehen. Bis 2013 will die UWH 500 neue Studienplätze schaffen. End/nna/ung Bericht-Nr.: 090407-01DE Datum: 7. April 2009 © 2009 News Network Anthroposophy Limited (NNA). Alle Rechte vorbehalten. Siehe: www.nna-news.org/copyright/ Weitere NNA-Berichterstattung unter: www.nna-news.org/de/ |
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